Elternnewsletter von Sucht Schweiz - Dezember 2014


Liebe Väter und Mütter

 

Wir sprechen Sie heute nicht als Eltern, sondern ganz bewusst als Mütter oder Väter an. Und wir werden auch nicht von Ihren Kindern oder Jugendlichen reden, sondern von Ihren Söhnen und Töchtern. Warum? Das erfahren Sie, wenn Sie diesen Newsletter lesen.

Darf er das – Darf sie das?

Top

Als Roger Federer nach einem verlorenen Tennisturnier in Tränen ausbrach, fragte eine Boulevard-Zeitung in grossen Lettern auf der Titelseite „Darf er das?“. Fast gleichzeitig stellte der Chefredakteur einer Wochenzeitschrift öffentlich die gleiche Frage bezüglich Jasmin Staiblin, damals Chefin von ABB Schweiz, weil sie ihren Mutterschaftsurlaub bezog. „Nein, das darf sie nicht“ kam er zum Schluss.

Solche Clichés wie „ein richtiger Mann weint nicht“ oder „Frauen müssen sich entscheiden – entweder Kinder oder Karriere“ prägen unseren Alltag nach wie vor. Oder haben Sie sich nicht auch schon dabei ertappt, dass Sie sich als „Rabenmutter“ vorkamen, weil sie mit einer Freundin ein Wochenende wegfahren wollten und Ihre Familie "allein liessen"? Und schnell kommen Sie sich als Mann und Vater als Versager vor, wenn sie – auch unverschuldet – die Arbeitsstelle verlieren. Immer noch sind hauptsächlich Männer in der Rolle als Ernährer der Familie. Die gesellschaftlichen Vorstellungen, wie Männer und Frauen zu sein und was sie zu tun haben, beeinflussen uns bewusst oder unbewusst. Kommt hinzu, dass die Umwelt es uns auch nicht leicht macht, aus diesen Vorstellungen und Clichés auszubrechen. Denken Sie an die Babyausstattungen in den Läden, welche neben Weiss kaum andere Farben aufweisen als Rosa und Hellblau oder an die Spielzeugabteilungen, deren Regale eindeutig entweder für Mädchen oder für Buben bestimmt sind. Das zieht sich auch in der Schule weiter, wenn selbstverständlich angenommen wird, dass Mädchen im Lesen und Schreiben besser sind, während Jungen im Rechnen die Nase vorne haben. Die Berufswahl ist ebenfalls stark von Vorstellungen zur Geschlechterrolle beeinflusst. So wählen Jungen eher technische und naturwissenschaftliche Berufsrichtungen und Mädchen eher Berufe im Sozial- oder Gesundheitswesen.

Was bedeutet das für Sie als Mutter und Vater?

Eine zentrale Entwicklungsaufgabe von Kindern und Jugendlichen ist es, zum Mann oder zur Frau zu werden. Auf diesem Weg werden sie von Ihnen als Mutter und Vater begleitet. Sie dienen den Söhnen und Töchtern als Modelle – neben weiteren Vorbildern im realen Leben, in der Werbung oder in den Medien.

  • Überlegen Sie für sich, wie Sie Ihre Rolle als Frau / als Mann sehen und leben.
  • Tauschen Sie sich mit Ihrem Partner / Ihrer Partnerin oder einem Freund / einer Freundin darüber aus.
  • Überlegen Sie gemeinsam, welche Muster Sie als Vater / als Mutter an Ihren Sohn / Ihre Tochter weitergeben.
   
©office.microsoft.com

Zusammenhänge zwischen Geschlecht und Sucht

Top

Auf dem Weg zum Erwachsenwerden begegnen Ihren Töchtern und Söhnen auch die verschiedensten Suchtmittel oder Verhaltenweisen, welche sich neben ihrer beruhigenden oder aufputschenden Wirkung auch dazu eignen, sich als Mädchen/Frau oder als Junge/Mann darzustellen.

Bereits Mädchen und Jungen im Alter ab 11 Jahren unterscheiden sich in Bezug auf ihren Suchtmittelkonsum sowie den Motiven und Ursachen dahinter.


Mädchen

1% der 11-jährigen Mädchen hat in den letzten 12 Monaten regelmässig Alkohol konsumiert (mindestens einmal pro Woche). Das steigt an bis 13% bei den 15-Jährigen. Trotzdem können wir auf Grund der Zahlen aus der Forschung festhalten: Die überwiegende Mehrheit der Mädchen (und Frauen) konsumiert Alkohol deutlich seltener, in kleineren Mengen sowie weniger risikoreich und sozial auffällig als dies Jungen (und Männer) tun. Die Risiken, die Mädchen und junge Frauen jedoch damit eingehen, beschränken sich nicht nur auf die unmittelbaren gesundheitsschädigenden Wirkungen des Alkohols. Sie sind unter Alkoholeinfluss auch stärker gefährdet, Opfer von Gewalt zu werden, unerwünschte sexuelle Kontakte einzugehen. oder den Schutz vor ungewollter Schwangerschaft und sexuell übertragbaren Krankheiten zu vernachlässigen.

Ein Teil der Mädchen sieht den Konsum von Alkohol auch als Zeichen der Gleichberechtigung. Mit dieser Vorstellung von Gleichberechtigung könnte verbunden sein, dass männliche Lebensstile, welche mit einem erhöhten Risikoverhalten einhergehen, belohnt werden und ganz offensichtlich zu mehr Erfolg in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft führen, als so genannte weibliche Lebensstile.

Mädchen geben häufiger als Jungen an, dass sie Alkohol trinken, um Probleme zu vergessen und haben mehr Schwierigkeiten, ein alkoholisches Getränk abzulehnen. Diese Muster zeigen sich auch bei anderen Suchtmitteln. Mädchen bevorzugen jedoch deutlich mehr als Jungen legale Substanzen wie Schlaf- und Beruhigungsmittel oder entwickeln problematische Verhaltensweisen wie Essstörungen.

Ein Mädchen zu sein und eine Frau zu werden bedeutet auch heute noch häufig, dass Eigenschaften wie Rücksichtnahme, Ausrichtung auf Beziehungen, Schwachsein, Minderwertigkeit sowie emotionale und materielle Abhängigkeit gefördert werden. Sie lernen, eigene Bedürfnisse zurückzustellen und (zu viel) Verantwortung für das Wohlbefinden anderer zu übernehmen bis hin zu Aufopferungstendenzen. Neu hinzugekommen sind in den letzten Jahren Ansprüche an Karriere und Erfolg. Dies führt zu einer Zerrissenheit zwischen alten und neuen Anforderungen. Medikamente, Alkohol oder Verhaltensweisen wie Essstörungen etc. können in diesem schwierigen Prozess verschiedene Funktionen übernehmen. Sie sind ein Schmiermittel, wenn es um Anpassung geht, Mutmacher, wenn es um Auflehnung geht, dienen der Gewichtsregulierung, erhöhen das Selbstwertgefühl und bieten eine Überlebenschance, wenn es um die Bewältigung von Gewalterfahrungen geht.


Was bedeutet das für Sie als Mutter und Vater?

  • Es geht nicht darum, Ihrer Tochter die so genannt weiblichen Eigenschaften und Verhaltensweisen auszureden, sondern sie darin zu unterstützen, ihr Mädchen-Sein und Frau-Werden mit Erfahrungen zu erweitern, die vielleicht nicht immer dem gängigen Rollenbild entsprechen.
  • Seien Sie sich bewusst, dass Sie ein Modell sind für Ihre Tochter, sowohl als Mutter wie als Vater. Wenn Sie als Mutter nicht immer nachgeben oder „dem Frieden zuliebe“ schweigen und wenn Sie als Vater auch Gefühle zeigen und aussprechen, dann setzen Sie damit immer auch ein Zeichen für mehr Spielraum in der Rolle als Frau oder als Mann.
  • Unterstützen Sie Ihre Tochter darin, sich abzugrenzen und Nein zu sagen. Das ist nicht immer einfach, ist es doch angenehm, wenn Mädchen immer wieder nachgeben oder den Streit zwischen den Brüdern schlichten.
  • Fördern Sie das Selbstbewusstsein Ihrer Tochter, indem Sie ihr immer wieder sagen, was sie gut kann, auch wenn es Dinge sind, die nicht Ihren Erwartungen entsprechen (z.B. auf Bäume klettern).
  • Fragen Sie nach den Interessen Ihrer Tochter und was sie gerne und mit Spass tut und ermutigen und unterstützen Sie sie darin, auch wenn die Interessen und Bedürfnisse Ihrer Tochter nicht Ihren Wünschen oder denjenigen ihrer Freunde und Freundinnen entsprechen.
  • Ermutigen Sie Ihre Tochter, im Rahmen der Berufswahl auch Erfahrungen in ungewöhnlichen oder so genannt untypischen Berufen zu machen.
  • Ergreifen Sie die Gelegenheit, am Beispiel von Mädchen- oder Frauenzeitschriften mit Ihrer Tochter über die Darstellung und Rollenbilder von Mädchen und Frauen zu sprechen.
  • Nehmen Sie klar Stellung gegen jede Art von Sexismus.


Jungen

2,6% der 11-jährigen Jungen konsumieren wöchentlich Alkohol. Dieser Wert steigt bis zu 26.5% bei den 15-Jährigen. Jungen trinken häufiger, in grösseren Mengen und risikoreicher als Mädchen. Auch beim Konsum von illegalen Suchtmitteln sind die Zahlen bei Jungen deutlich höher als bei den Mädchen.

Sie geben eher soziale Motive für den Alkoholkonsum an, zum Beispiel „weil es dann lustiger wird, wenn ich mit anderen zusammen bin“. Sie nennen auch Motive wie „um berauscht zu sein“ oder „weil ich gerne zu einer bestimmten Clique dazugehören wollte“. Alkoholtrinken gilt als cool und viel Alkohol zu vertragen als Zeichen der Stärke.

Jungen sind häufiger von körperlicher Gewalt betroffen als Mädchen. Dabei erleben sie, dass Opfer sein für einen Jungen (und für Männer) tabuisiert wird. Deutlich weniger Jungen als Mädchen nehmen in solchen Fällen Hilfe und Beratung in Anspruch.

Ein Junge zu sein und ein Mann zu werden bedeutet auch heute noch, dass Siegen, Leisten, Konkurrenzverhalten, sich Durchsetzen und Raum einnehmen gefördert werden. Das Streben nach Dominanz über Frauen und andere Männer schafft Hierarchien und damit den Druck, die eigene Position immer wieder zu beweisen. Das führt nicht selten zu auffälligem, risikoreichem und abweichendem Verhalten, zu dem auch der Suchtmittelkonsum gehören kann. Häufig fehlen der Vater und andere männliche Bezugspersonen in der Erziehung. Jungen sehen sich damit konfrontiert, dass zu Hause, in der Kindertagesstätte und in der Schule bis und mit Mittelstufe vor allem Frauen tätig sind. Reale Vorbilder im Alltag, die Identifikation ermöglichen, fehlen oft. So sind Jungen gezwungen, sich an der Mutter und anderen Frauen in ihrer Umgebung zu orientieren, die das Weibliche resp. Nicht-Männliche verkörpern. Die Vorstellung von Männlichkeit entsteht so vorwiegend aus einer negativen Abgrenzung zum Weiblichen (sicher nicht so sein und werden wie die Mutter, die Schwester, die Lehrerin etc.).
Alkohol, andere Substanzen und illegale Suchtmittel helfen dabei, Stärke und Macht zu demonstrieren, dienen als Symbol für Grenzüberschreitungen, gleichen Unsicherheiten aus und werden als Kommunikations- und soziales Schmiermittel eingesetzt.


Was bedeutet das für Sie als Vater und Mutter?

  • Es geht nicht darum, Ihrem Sohn die so genannt männlichen Eigenschaften auszureden, sondern es geht darum, ihn darin zu unterstützen, die männliche Rolle zu erweitern.
  • Stellen Sie sicher, dass Ihr Junge im Alltag einige männliche Bezugspersonen hat. Wenn der Vater auch im Alltag präsent ist, umso besser, aber es kann auch ein Götti, ein Grossvater oder ein guter Freund diese Rolle übernehmen.
  • Sie sind für Ihren Sohn immer auch ein Modell, sei es als Vater oder Mutter. Stehen Sie als Vater auch zu Ihren „schwachen“ Seiten, indem Sie zum Beispiel zeigen, dass Sie darunter leiden, wenn es am Arbeitsplatz nicht so läuft, wie Sie es gerne hätten. Grenzen Sie sich als Mutter ab, wenn der Sohn Sie als „Hotel Mama“ behandelt und unterstützen Sie als Vater Ihre Partnerin dabei. Fordern Sie ihn auf, sich an den Hausarbeiten zu beteiligen.
  • Achten Sie darauf, Ihren Sohn nicht nur für Leistungen zu loben, sondern zum Beispiel auch, wenn er sich gut entspannen kann oder wenn es ihm gelingt, seine Gefühle auszudrücken.
  • Wenn Ihr Sohn in seiner Clique gefoppt wird, weil er nicht gerne Bier trinkt, so bestärken Sie ihn darin, indem Sie mit ihm besprechen, wie er sich wehren kann.
  • Wenn Ihr Sohn weiss, er kann noch so viel trainieren, aber im Sport wird er nie zu den Besten gehören, dann unterhalten Sie sich mit ihm über die Fähigkeit, seine Leistungen realistisch einzuschätzen, eigene Grenzen wahrzunehmen und zu akzeptieren.
  • Ermutigen Sie Ihren Sohn, wenn er bei einem Streit zwischen Kollegen und Kolleginnen auch einmal zu vermitteln versucht.
  • Profitieren Sie, wenn Sie mit Ihrem Sohn zusammen Werbeplakate sehen, um über sexistische Frauenbilder zu sprechen.
  • Nehmen Sie klar Stellung gegen jede Art von Sexismus.
   

Zum Schluss

Top

Es gibt also viele Gelegenheiten und Anlässe, um mit Neugier, Spass und Ernsthaftigkeit in den nächsten Wochen und Monaten bei sich und Ihrer Familie auf diejenigen Muster zu achten, welche mit den Geschlechterrollen verbunden sind. Sie bieten Anregung für kritisches Hinterfragen und spannende Gespräche.
Übrigens: Welches Weihnachtsgeschenk wählen Sie für Ihre Tochter, Ihren Sohn aus?

Das Team des Elternnewsletters wünscht Ihnen schöne und herzerwärmende Festtage!

     

Tipps und Hinweise

Top

- Kuntsche E., Delgrande Jordan M. (Hrsg.) (2012): Gesundheit und Gesundheitsverhalten Jugendlicher in der Schweiz. Bern: Verlag Hans Huber
- Sucht Schweiz (2011) Lausanne: Warum konsumiert man Alkohol? Gründe und Motive.

Auf diesen Webseiten finden Eltern zahlreiche Hinweise und Tipps, um mit Ihren Söhnen und Töchtern ins Gespräch zu Geschlechterrollen zu kommen:
- Webseite Nationaler Zukunftstag – Seitenwechsel für Mädchen und Jungs: www.nationalerzukunftstag.ch
- Webseite für Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler und interessierte Eltern: www.genderundschule.de
- Portal des österreichischen Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur: www.gender.schule.at
- Für Mütter und Väter in der Schweiz: Wir Eltern Blog