Wenn Kunst zum Ventil wird

Noah Di Bettschen - Seine Werke gehen unter die Haut

08.10.2026

Der schwarze Schwan und die Gitarre

Auf Noah Di Bettschens Leinwänden treffen ungestümes Gedränge, Feuer und Anmut aufeinander. Es sind Bilder, die von Verlust, Schmerz und der Suche nach Halt erzählen – Themen, die sein eigenes Leben prägen. Der Zürcher Künstler verlor seinen Vater früh an den Folgen einer Heroinabhängigkeit, kämpfte später selbst mit Alkoholproblemen und verwandelt das, was ihm so sehr zu schaffen macht, in Kunst.

Noah Di Bettschen steht vor einer grossformatigen Leinwand in seinem Zürcher Atelier. Der Bildrand wirkt, als sei er vom Feuer versengt. Er markiert keine klare Grenze zwischen Bild und Aussenwelt, sondern vermittelt den Eindruck, das dargestellte Inferno könne jederzeit über die Leinwand hinauswachsen. Das Bild «master of puppets» (frei übersetzt: der Strippenzieher) fesselt, obwohl das Auge nicht weiss, wohin es in diesem Geflecht aus Figuren, Tieren und Fratzen zuerst blicken soll. Wie ein Werk wirke, werde wesentlich von der Sensibilität des Gegenübers bestimmt, sagt der Künstler.

 

Bilder voller Abgründe und Hoffnung

Auf diesem Bild schultern Harlekins schwere Steinplatten. Darauf ergiesst sich das pralle Leben mit Schweinsköpfen, Männern in Anzügen und einem Sportwagen, den man nicht auf Anhieb sieht, weil hybride Wesen den Blick auf sich ziehen. Das Ganze ist chaotisch und wackelig, einem strauchelnden Anzugträger droht der Absturz in die Welt der Vergessenen und Ausgegrenzten. Dort unten bei den Harlekins ist ein kleiner Junge erkennbar, gefangen von einer Feuersbrunst und gleichzeitig beschützt von einem schwarzen Schwan mit geöffneten Flügeln – unweit davon ein Mann mit langen, gewellten Haaren und einer Gitarre. Willkommen in der Welt des Künstlers!

Wie seine Werke besitzt auch Noah di Bettschen eine Präsenz, der man sich kaum entziehen kann. Heute bändigt ein Hut mit Feder seine dunklen Locken. Die zahlreichen Tattoos an Hals und Armen kontrastieren mit den Kleidern. Es ist spannend, ihm bei seinen Schilderungen zu seinen Werken zu folgen. Das Malen ist eine Leidenschaft, die er jeden Tag aufs Neue lebt – stets auf der Suche nach Perfektionismus. Seine Arbeiten entstehen aus seiner Biografie, aber auch aus Eindrücken und Begegnungen aus aller Welt. Er schaut dorthin, wo andere wegsehen. So porträtierte er in Los Angeles Menschen mit Suchterkrankung und Obdachlose oder malte mit Suchtbetroffenen in der Zürcher Bäckeranlage.

 

Der Erfolg kommt nicht zufällig

Seine Arbeiten finden zunehmend Beachtung. Schaffenskrisen kennt er keine, die Ideen gehen ihm nicht aus. Auch privat scheint er angekommen zu sein: Gemeinsam mit seiner Partnerin, die ebenfalls als Künstlerin arbeitet, steht der Umzug in eine neue Wohnung bevor. Auf der Staffelei entsteht gerade ihr Porträt. «Ja, ich habe Glück», sagt er. Sein Wissen hat er sich selbst angeeignet und er sucht den Dialog mit den Menschen, die seine Kunst betrachten. Ihm wird ein gutes Gespür für Farben attestiert. Die Bilder wirken zugleich lebendig und verletzlich – als lägen Schönheit, Hoffnung und Schmerz nur einen Pinselstrich voneinander entfernt. Er stellt Werke in Kunstzentren wie Paris, New York, London und Venedig aus und verkauft seine Bilder – wie gerade jenes mit dem amerikanischen Präsidenten. Während Letzterer auf diesem Bild kniend zu sehen ist, zeigt das danebenliegende Bild ihn am Kreuz. Ja, auch die Weltpolitik findet den Weg ins Atelier von Noah Di Bettschen. «Ich verfolge aber keine politische Ideologie; es ist vielmehr eine philosophische Analyse.»

 

Der Vater hinterlässt eine Lücke

Dass seine Kindheit, die Eltern und eigene Suchterfahrungen in seinen Bildern einen wichtigen Stellenwert haben, erschliesst sich einem rasch. Der schwarze Schwan steht immer für die Mutter. Ihr Jahrgang hat der Künstler auf seinem Arm tätowiert. Er selbst ist der kleine Junge auf dem Bild und der Gitarrist ist sein Vater – er starb an den Folgen seiner Suchterkrankung, als Noah fünf Jahre alt war. Der Tod traf die Familie am Geburtstag des Vaters. Obwohl Noah Di Bettschen nur wenige Erinnerungen an ihn hat, ist seine Präsenz bis heute spürbar – in den Bildern, in der Musik.

Dass er Künstler geworden ist, erscheint folgerichtig und ist dennoch bemerkenswert. Kreativität, Sensibilität und künstlerische Begabung wurden ihm in die Wiege gelegt. Sein Vater war ein äusserst talentierter Gitarrist, seine Mutter
ist ebenfalls kreativ. Doch vererbt wurden nicht nur Talente, sondern auch Verletzlichkeiten. Die Geschichte von Noah Di Bettschen erzählt deshalb nicht nur von Begabung, sondern auch von den Herausforderungen, die mit einer familiären
Suchtgeschichte einhergehen können.

«Viele Menschen sagen, sie verstehen die Bilder nicht, aber sie fühlen sie.» Noah Di Bettschen (23)

Auf der Suche nach Orientierung

Wenn Noah etwas anpackt, bleibt er unermüdlich dran und investiert viel. Derzeit übt er täglich gut zwei Stunden an der Gitarre, um sich dem Niveau des Vaters anzunähern.

Wenn ihn etwas nicht interessiert, lässt er es bleiben. Das war schon als Kind so. «In der Schule fiel ich durchs Raster, verlor den Anschluss.» Zwei Berufslehren hat er dann abgebrochen. Es war schwierig, im Leben Tritt zu fassen. Auf der Suche nach Orientierung und einem männlichen Vorbild geriet Noah in einen problematischen Substanzkonsum. Irgendwie war es auch der Versuch, dem Vater nahe zu sein. Fotografien mit ihm gefielen ihm, weil sein Vater darauf attraktiv und souverän wirkt und zugleich etwas Ungebändigtes ausstrahlt. «Das Suchtverhalten war für mich wie eine Rebellion gegen ein gesellschaftliches Umfeld, in das ich nicht hineinpasste», sagt er rückblickend. Dieser innere Konflikt stand in Kontrast zur Ruhe und Überschaubarkeit des Toggenburger Bergdorfs, in dem Noah Di Bettschen aufwuchs.

 

Auf der Suche nach einem Ventil

Mit zehn Jahren entdeckte er das Skateboarden und mit zwölf fing er an, Cannabis zu konsumieren. «Ich habe sehr schnell sehr intensiv gekifft, dann aber rasch wieder aufgehört, weil ich unter Cannabis nicht skaten konnte und die Wirkung selbst dann spürte, wenn ich nicht konsumiert hatte.» Mit 14 probierte er Kokain aus. «Es war keine gute Erfahrung und ich habe den Kontrollverlust gefürchtet.» Mit Alkohol war es anders. «Da konnte ich mich in meinem Selbstmitleid einpolstern und hatte eine riesige Auswahl; ihn zu beschaffen war sehr einfach und ich brauchte nicht viel Geld.» Ein halbes Jahr lang konsumierte er intensiv und demonstrierte das auch, indem er mit Alkoholflaschen in den Strassen Zürichs unterwegs war. «Ohne Alkohol habe ich mich und den Wahnsinn in mir, die starken Gefühle nicht ausgehalten.» Die Kreativität schlummerte längst in ihm, hatte aber noch kein Ventil.

 

Nur nüchtern malen

Seit bald vier Jahren trinkt Noah Di Bettschen gar keinen Alkohol mehr. Das Malen machte ihn überflüssig oder anders formuliert: Das Malen funktioniert nur nüchtern. Er blieb dran, obwohl die ersten Rückmeldungen zu seiner Kunst nicht verheissungsvoll waren – zu gross, zu emotional, zu persönlich und wuchtig. «Ans Geld dachte ich damals keine Sekunde. Es war mir einfach wichtig, mein inneres Chaos auf die Leinwand zu bringen und den Dialog mit den Menschen zu finden.» Heute erhält er täglich Nachrichten mit persönlichen und bewegenden Geschichten. Vielleicht ist es mehr als Glück. Vielleicht ist es die Fähigkeit, aus einer Geschichte von Verlust und Sucht eine neue zu schreiben, die andere Menschen berührt.

«Ich bin nie zu 100 Prozent zufrieden mit einem Bild.»

Unsere Hilfe für Kinder von Eltern mit Suchterkrankung

Die Geschichte von Noah Di Bettschen gibt Einblick in die Realität von betroffenen Kindern. In der Schweiz wachsen schätzungsweise 100’000 Kinder mit einem Elternteil auf, der von Alkohol oder anderen Substanzen abhängig ist oder einen problematischen Konsum zeigt. Die Sucht eines Elternteils kann den familiären Alltag destabilisieren und stellt ein Risiko für die Entwicklung eines Kindes dar.

Mit dem nationalen Programm PAPA TRINKT. MAMA TRINKT. setzt sich Sucht Schweiz für Kinder von Eltern mit Suchterkrankung ein. Durch Sensibilisierung, Früherkennung und gezielte Unterstützungsangebote sollen betroffene Familien früher erreicht werden. Das Programm verfolgt das Ziel, Kindern trotz belastender Lebensumstände bestmögliche Entwicklungschancen zu eröffnen und langfristige Folgen wie psychische Erkrankungen oder Suchtverhalten zu reduzieren.

kinder-eltern-sucht.ch

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