Die Kunst, den eigenen Weg zu gehen

Das Buch von Rapper Gimma

06.03.2026

«Meine Mutter war alkoholkrank» – Rapper Gimmas bewegendes Buch

In seinem jüngsten Buch «Abschiede von Mutter» beschreibt Gian Marco Schmid, mit Künstlername Gimma, die Zeit der Suchterkrankung seiner Mutter, ihren Tod und die Monate danach. In prägnanter Sprache hält er Gedanken, Erinnerungen, Wut, Trauer und Liebe fest. Wer die Situation des Kindes Gian-Marco verstehen will, erhält einen ungeschönten Einblick in die Ohnmacht, die Verwahrlosung und die Gewalt.

«Irgendwann hatte ich den Dreh raus, wie man geräuschfrei Säcke voller Altglas entsorgt.» Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie als Bub darauf stolz waren. Mit welchen Gefühlen denken Sie heute daran zurück?

Erst mit etwa 16 Jahren merkte ich, dass dieses Ämtli nicht normal war. Den Müll zu entsorgen, gehörte seit der ersten Klasse zu meinen täglichen Aufgaben, genauso wie das Einkaufen. Das war eigentlich eine Vertuschung. Indem meine jüngere Schwester und ich den Alkohol für die Mutter besorgten und das Leergut entsorgten, wurde uns viel Verantwortung aufgebürdet. Der Jugendschutz funktionierte damals nicht. Es war für uns Kinder problemlos möglich, den Alkohol zu kaufen. Unsere Mutter war gut vernetzt, auch weil sie zeitweise im lokalen Lebensmittelladen gearbeitet hatte. Man kannte uns.

 

«Es gab kaum Momente, in denen wir miteinander sassen, vergnügt plauderten und uns alle Zeit der Welt lassen konnten für einen Austausch, so wie die Familien im TV.»
Sie beschreiben Situationen der Kindheit, die Ihnen versagt blieben. Wann haben Sie realisiert, dass Ihnen solche Momente fehlen?

Es gab auch bei uns Momente, bei denen wir beim Essen zusammenkamen. Aber es ging immer hektisch zu und her. Irgendwie bildeten wir eine Zweckgemeinschaft. Bei Freunden und bei meiner Grossmutter erlebte ich hingegen schöne Mittagstische. Es wurde diskutiert, nachgefragt, zugehört. Bei meinen Grosseltern lernte ich kochen und andere Dinge im Haushalt. Ich nahm kaum je Freunde mit nach Hause. Die Mutter sah es nicht gerne. Oft schickte sie mich nach draussen, was mir auch viele Freiheiten gab. Da war ich in meiner eigenen Welt und spielte mit anderen Kindern.

 

«Mir war früh klar, dass ich meine Grossmütter, meinen Vater, ein paar Onkel und Tanten (…) mehr liebte als meine Mutter. Sie taten mir schlichtweg weniger weh und waren öfter für mich da und gingen nicht einfach weg, ohne Bescheid zu geben (…). Aber ich wollte (…) sie lange von einem anderen Lebensansatz überzeugen.»
Wie wollten Sie Ihre Mutter vom Trinken abhalten?

Ich habe viel Energie aufgewendet, um meine Mutter vom Alkohol wegzubringen. Leider funktionierte das nicht, obwohl ich schon als Kind verschiedene Strategien wählte. Eine davon war, nicht ins Auto einzusteigen, wenn sie getrunken hatte. Denn ich hatte früh gemerkt, dass das gefährlich ist. Es gab im Laufe der Zeit mehrere Unfälle. Wenn ich mich weigerte mitzufahren, warteten wir z.B. eine halbe Stunde oder sie trank noch etwas Mineralwasser. Dabei versicherte sie, dass der Alkohol nicht mehr wirke.

«Bei Gimma findet erlebtes Leid ein künstlerisches Ventil.» Tania Séverin, Direktorin Sucht Schweiz
«Alkohol war an allem schuld, vor unserer Geburt und auch danach. Nur hatten wir (Kinder. Anm. Red.) es uns so erklärt, dass der Stress mit uns wohl die Mutter zur Flasche getrieben hatte.»
Das Umfeld liess Sie in diesem Glauben. Wie kam es so weit?

Unsere Mutter sagte uns mehr als einmal, dass sie wegen uns trinke. Sie selbst wollte keine Verantwortung übernehmen und wir Kinder glaubten, dass es an uns lag. Es gab schon Verwandte, die über das Alkoholproblem unserer Mutter Bescheid wussten. Dass Alkohol bei jeder Gelegenheit dazugehörte und viele Leute sich in den Rausch tranken, war in meiner Kindheit weit verbreitet. Ich denke, dass es hier grosse Fortschritte gab und dass namentlich die jüngere Generation gesundheitsbewusster ist, besser Bescheid weiss und weniger problematisch trinkt.

Niemand sagte uns damals: Die Suchterkrankung eurer Mutter ist nicht wegen euch entstanden. Und man erklärte uns nicht, was eine Suchterkrankung ist. Wir wurden kaum in Schutz genommen. Die Mutter war auch gut darin, ihre Probleme abzustreiten. Sie hat sich damit selbst belogen und mein Verhalten gab ihr sogar recht. Ich war kein Problemkind.

 

Wie meinen Sie das?

Insgesamt lief ja alles recht gut. Ich war ein angepasstes Kind, machte keine Probleme, lernte fleissig. Zum Glück hatte ich eine grosse Resilienz. Ich konnte diese schon in jungen Jahren überdurchschnittlich trainieren – gezwungenermassen. Ich ging gerne zur Schule und in meiner Freizeit war ich viel mit anderen Kindern draussen unterwegs. Natürlich machte ich auch Unfug, aber fernab unserer Wohnung konnte ich mich verwirklichen. Der Mangel an Erziehung gab mir Freiräume, ich hatte meine Spielkameraden, trieb Sport und las viel. Eigentlich war ich ein glückliches Kind.

 

Aus heutiger Sicht: Was hätte Ihnen als Kind geholfen?

Heute ist für mich klar, dass man meiner Mutter das Sorgerecht hätte entziehen müssen. Natürlich hätten wir uns als Kinder vehement dagegen gewehrt, aber eine Fremdplatzierung wäre im Grunde das Richtige gewesen. Damals schaute niemand hin.

 

Mit welchen Reaktionen auf Ihr Buch haben Sie gerechnet, mit welchen nicht?

Die Reaktion aus der Verwandtschaft fiel verhalten aus. Damit habe ich gerechnet. Bis am Schluss hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil die Mutter allem widersprochen hätte. Überrascht war ich hingegen von den vielen Rückmeldungen aus der Leserschaft. Auch im Zuge der gut 50 Lesungen haben sich mehrere Hundert Personen gemeldet. Sie fanden ihre eigene Geschichte im Buch wieder. Anders als bei meinen Musik-Alben war das Echo beim Buch viel grösser. Ich denke, das geschriebene Wort ist direkter, die Musik ist fiktionaler.

 

Im Vorwort formulieren Sie die Hoffnung, dass andere den Zugang zum Thema Sucht finden mögen. Anhand der Reaktionen scheint dies gelungen. Wie würde Ihre Mutter das Buch aufnehmen?

Es würde ihr nicht gefallen und sie würde sich mit allen Mitteln dagegen wehren. Mein künstlerisches Schaffen, die Aufarbeitung meiner Jugend war ihr von Anfang an zuwider. Was ich über sie schrieb, dementierte sie stets. Ich kann das auch verstehen, weil vieles auf sie zurückfiel. In meinen autobiographischen Texten gab ich ihr keine Schuld, urteilte aber hart über ihr Verhalten.

 

Wir sind hier im Bahnhofquartier von Chur. Die Stadt war immer wieder in den Medien wegen Crack-Konsumierenden. Wie nehmen Sie Ihre Heimatstadt wahr?

Es ist peinlich und natürlich sehr traurig, dass Chur damit nationale Schlagzeilen machte. Weil der Crack-Konsum im öffentlichen Raum mittlerweile nicht nur hier eine Realität ist, rückte der Fokus etwas weg. Die Probleme sind geblieben. Hier in Bahnhofsnähe kann man beispielsweise den Crack-Verkauf gut beobachten. Die Antwort auf diese Entwicklung fiel in meinen Augen mit den langen Debatten um den geplanten Konsumraum für Menschen mit Suchterkrankung etwas hilflos aus.

Gimma, Kind einer Mutter mit Suchterkrankung

Der 46-jährige Bündner Gian-Marco «Gimma» Schmid wuchs mit seiner alkoholkranken, alleinerziehenden Mutter und der um sechs Jahre jüngeren Schwester auf. Mit 16 Jahren verliess er das Zuhause und trat für kurze Zeit in ein Kloster im Wallis ein. Danach absolvierte er eine kaufmännische Lehre, die ihm die Mutter vermittelte – bei einer Brauerei. Diese Ausbildung mit späterer Berufsmaturität ermöglicht ihm bis heute ein geregeltes Einkommen. Schon als Jugendlicher waren die Musik und das Schreiben ein Ventil, um seine Kindheit zu verarbeiten. Sein bisheriges Werk umfasst über zwanzig Alben und vier Bücher. «Abschiede von Mutter» erschien im Jahr 2025. Teil 2 und 3 der Trilogie aus der Perspektive der Schwester bzw. des Vaters sollen folgen. Gimma steht für Schweizer Mundart-Rap mit poetischer, oft provokativer Sprache. Er thematisiert seine Herkunft, innere Konflikte, aber auch gesellschaftskritische Fragen. 2011 erhielt er den European Music Award für sein Album «Mensch si». In seinen Büchern setzt er die Themen konzentriert und sehr persönlich um. Es geht weniger um eine Handlung, sondern um Beobachtung und innere Auseinandersetzung. Gimma ist in seinem Leben wiederholt selbst mit Drogen in Kontakt gekommen. Er hat sich bewusst gegen eigene Kinder entschieden, um das Suchtverhalten nicht an eine nächste Generation weiterzugeben. Heute geht es ihm gut.

Gian-Marco Schmid, «Abschiede von Mutter»
lectorbooks 2025, 112 S.
ISBN 978-3-906913-52-0

 

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