Mütter mit Suchterkrankung: Neue Studie zeigt Wichtigkeit der Massnahmen zur Unterstützung von Müttern und Kindern

14.09.2023

Zum ersten Mal in der Schweiz hat eine Studie die Erfahrungen von Müttern mit Suchterkrankung untersucht. Es zeigt sich, dass sie oft stigmatisiert und zu wenig unterstützt werden. Dies erschwert auch die Situation ihrer Kinder. Eine Sensibilisierung der Mitarbeitenden in medizinischen und sozialen Institutionen, eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen den Kinder- und Erwachsenen­schutzbehörden (KESB) und den Suchtfachstellen sowie ein grösseres Angebot an spezialisierten begleitenden Institutionen für betroffene Familien sind erforderlich.

Die Elternbeziehung in suchtbetroffenen Familien ist oft unstabil und bei einer Trennung ist es meist die Mutter, die sich um die Kinder kümmert, selbst wenn sie suchtkrank ist. Eine Unterstützung dieser Mütter ist vordringlich, auch um die Situation der betroffenen Kinder zu verbessern und ihnen emotionale Stabilität und damit ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen.

 

Schwierige Vergangenheit und Gegenwart – Mütter werden oft stigmatisiert

Anhand von gut zwanzig Interviews untersuchte die Studie der Stiftung Sucht Schweiz die Erfahrungen von Müttern, die mit einem Suchtproblem konfrontiert sind.

Betroffene Mütter stammen in vielen Fällen selbst aus suchtbetroffenen Elternhäusern oder haben in der Vergangenheit Missbrauch und Traumatisierungen erlebt. Substanzkonsum ist dabei oft eine Bewältigungsstrategie, die Entwicklung einer Abhängigkeit erfolgt in der Regel aber schneller als bei Männern. Die Mehrheit dieser Mütter können nicht auf einen stabilen Partner zählen und manche haben auch keine Eltern, die Unterstützung bieten, wenn jene z.B. selbst suchtkrank sind. Psychische Fragilität und Stigmatisierung führen in vielen Fällen auch zu sozialer Isolation (z.B. fehlender Austausch mit anderen Eltern).

Im Umgang mit Behörden und im Gesundheitssystem werden diese Mütter vielfach stigmatisiert: Oftmals wird ihnen von vornherein die Fähigkeit zur Elternschaft abgesprochen, was das Selbstvertrauen zusätzlich schwächt, in der schwierigen Situation der Suchterkrankung die Elternrolle gut auszufüllen. Dabei ist die Mutterschaft für viele Befragte gleichzeitig auch eine Quelle der Motivation und der Kraft, durchzuhalten und Veränderungen anzustreben.

 

Geeignete Unterstützung stabilisiert die Familien und eröffnet Perspektiven

Die Erfahrungen der betroffenen Mütter mit den Behörden sind sehr unterschiedlich. Wo Unterschiede in Fokus und Zielen bestehen (z.B. zwischen den KESB und den Suchtfachstellen) kann die Situation der Familie verschlimmert werden. Eine Koordination und gemeinsame Zielsetzung aller involvierten Stellen tun dort not. Mit geeigneter Unterstützung und Vertrauensbeziehungen bei Suchtfachstellen und den KESB kann die Elternschaft aber meist so gut wahrgenommen werden, dass auch die Kinder genügend Stabilität und Sicherheit erhalten. Hilfreich sind dazu insbesondere ambulante oder stationäre Institutionen, die auf Suchtprobleme spezialisiert sind und eine Begleitung in der Elternrolle anbieten. Nicht zuletzt werden so auch die Voraussetzungen geschaffen, dass die Suchterkrankung therapiert werden kann. Denn für einige betroffene Mütter gibt die Elternschaft Kraft und Motivation, eine Therapie in Angriff zu nehmen.

 

Verbesserungen sind auf verschiedenen Ebenen nötig

Schätzungsweise 100‘000 Kinder leben mit einem Elternteil, der Alkohol oder eine andere Substanz auf problematische Weise konsumiert und in einem erheblichen Teil der Fälle süchtig ist. Rund eine von dreissig Müttern mit minderjährigen Kindern ist von einem problematischen Konsum betroffen. Kinder von alkoholkranken Müttern haben ein fast zehn Mal grösseres Risiko als andere Kinder, später selbst alkoholkrank zu werden.

Gemäss der Studie sind u.a. folgende Verbesserungen nötig, um die betroffenen Mütter und Kinder zu stärken und die Situation zu verändern:

  • Mehr spezialisierte Institutionen, wo Mütter zusammen mit ihren Kindern eine Begleitung erhalten (z.B. Ulmenhof im Kanton Zürich und Lilith im Kanton Solothurn).
  • Bessere Zusammenarbeit zwischen den Institutionen, vor allem zwischen den KESB und den Suchtfachstellen. Die Einführung eines „Case Managements“ wie es in verschiedenen Ländern in der Altenhilfe praktiziert wird, wäre zu evaluieren.
  • Sensibilisierung und Schulung der Mitarbeitenden im Gesundheitssystem, in der Sozialhilfe und der Elternhilfe, da sie die Herausforderungen einer Sucht oft nicht kennen.
Stimmen von Müttern mit Suchterkrankung

Für die Studie hat die Stiftung Sucht Schweiz im Rahmen des Projekts „Kinder, deren Eltern Drogen konsumieren“ der Pompidou-Gruppe des Europarats 21 betroffene Mütter befragt. Bei den konsumierten Substanzen handelte es sich hauptsächlich um Alkohol, Heroin, Kokain und Cannabis. Finanziert wurde das Projekt vom Alkoholpräventionsfonds des Bundesamtes für Gesundheit.

 

Auskunft

Markus Meury
Mediensprecher
[email protected]
Tel. 021 321 29 63

 

Die vollständige Studie

Zitate von betroffenen Müttern zur freien Verfügung (Namen sind Pseudonyme):

«Es stimmt, dass ich wegen meiner Mutter keine einfache Kindheit hatte. Sie wurde heroinsüchtig, als ich vier Jahre alt war. Als ich fünf Jahre alt war, war ich auf mich allein gestellt, habe geputzt und alle Rollen übernommen. Meine Grossmutter hatte ein Restaurant und wurde deswegen zur Alkoholikerin. Meine Mutter übernahm daraufhin das Restaurant, sobald sie aus der Schule kam. Die Leute aus der Nachbarschaft kamen oft vorbei und kümmerten sich nicht darum, dass hinter der Bar ein zehnjähriges Mädchen arbeitete.» Lara, 32

«Als ich meinen ältesten Sohn zur Welt brachte, wurde ich wie ein Stück Dreck behandelt. Eine Krankenschwester kam sogar zu mir und fragte: „Wann holt das Kinderheim das Kind ab?“, „Äh, welches Kinderheim?“, „Ja, ich denke, das Kind bleibt nicht bei Ihnen, oder?“. Es gab nur ein oder zwei Pflegerinnen, die wirklich nett waren, andere waren herablassend und sagten so etwas wie „Du bekommst dein Kind sowieso nicht“.». Eli, 48

«Als Mutter mit einem Drogenproblem werden Sie stigmatisiert, und auch für andere Eltern ist es sehr schwierig, ihre Kinder mit Ihren Kindern spielen zu lassen. Das beginnt bereits hier. Auch mit den Angeboten ist es eindeutig so, mit der KESB, zum Beispiel. Sie werden, sagen wir mal, wie eine degradierte Person zweiter oder sogar dritter Klasse behandelt. Es ist sehr bedauerlich, dass man nicht versteht, dass es sich um eine Krankheit handelt, dass Drogensucht eine Krankheit ist und als solche behandelt werden muss.» Clara, 53

«Hier bekomme ich wirklich viel: mit dem Baby, zum Kochen oder für etwas Anderes. Die Mitarbeiterin unterstützt mich hundertprozentig. Ich kann mein Kind immer bei ihnen lassen. Was ich in letzter Zeit nicht gemacht habe, aber natürlich kann ich das tun. Weisst du, ich bin hier allein, ich bin nicht mit meinem Partner zusammen. Ich habe also alle Unterstützung, die ich brauche. Ich habe Zeit mit dem Baby und Zeit für mich. Damit ich wirklich eine Therapie machen kann und damit ich bei meinem Kind bleiben kann. Damit ich lerne, was es bedeutet, Mutter zu sein. Also habe ich hier wirklich grosses Glück.» Verena, 32, wohnt in einer begleitenden Institution

Weitere Informationen zum Thema (für Fachleute, Betroffene und die Öffentlichkeit):