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Ruf nach Ordnung und Schrei nach Freiheit

06. September 2010, 17:12

Die Verantwortlichen der Suchtpolitik stehen in der Zwickmühle: Auf der einen Seite hören sie den Ruf der Öffentlichkeit nach Ordnung und Sicherheit. Auf der anderen wissen sie, dass suchtkranke Menschen nicht an den Rand gedrängt, sondern integriert werden sollten. In den Städten, welche die Studie „Public Spaces“ unter die Lupe genommen hat, wurden unterschiedliche Wege gewählt.

Public Spaces

Eine Parkanlage, ein paar Bänke. Und ein paar Menschen, die hier tagein, tagaus sitzen, eine Bierflasche in der Hand, die Kleider abgewetzt. Die anderen, die mit der Wohnung und dem Job, verirren sich nur selten hierher. Die wollten eh nur betteln, sagen sie. Sie stören sich am Abfall, der herumliegt, und am Geruch der Hoffnungslosigkeit, welcher in der Luft liegt. Oder sie sind peinlich berührt von der Armut, die hier tiefer geht als nur bis zum leeren Portemonnaie.

Dass die Szenen der Drogenkonsumierenden nicht einfach sich selbst zu überlassen sind, darin sind sich die meisten Schweizer Städte einig. Wenn auch von den Menschen, welche die einschlägigen Plätze frequentieren, in der Regel keine Gefahr ausgeht, fühlen sich viele unwohl in ihrer Haut, wenn sich ihr Weg mit demjenigen der Randständigen kreuzt.

Vorläufig geduldet in Chur

So hilflos wie die Bürgerinnen und Bürger reagieren auch manche der Städte, in denen sich die Randständigen aufhalten. In Chur etwa haben sie den Stadtgarten in Beschlag genommen. Andere Personen meiden seitdem den Ort, was die Behörden gerne ändern würden. Der Stadtrat würde den Park im Herzen der Stadt gerne erneuern, aufwerten und der breiten Bevölkerung zugänglich machen.

Doch diesen Plänen sind die Menschen am Rande der Gesellschaft im Weg. „Es gibt in unserer Stadt nicht viele andere Möglichkeiten“, sagt der Leiter der sozialen Dienste Chur, Hans Joss. Bevor kein neuer Standort gefunden ist, können die Alkohol- und Drogenabhängigen nicht aus dem Stadtgarten vertrieben werden.

Dass bis anhin keine wirkliche Lösung gefunden worden ist, hängt auch mit der Abstimmung über den neuen Finanzausgleich im Kanton Graubünden zusammen. Dieser wurde im März dieses Jahres knapp abgelehnt. Weil die Gemeinden davon ausgegangen sind, dass der Sozialbereich an den Kanton übergehen würde, packten sie keine neuen Aufgaben an. Doch das Volk lehnte die Vorlage überraschend und äusserst knapp ab. Nun liegt der Ball wieder bei den Gemeinden – in diesem Fall bei der Stadt Chur, die nun selber eine Lösung für ihre Randständigen suchen muss.

Ungeliebtes Thema in Yverdon

Auch in Yverdon gehört die Situation der Randständigen offenbar nicht zu den Themen, zu denen man sich besonders gern äussert. Sozialvorsteherin Nathalie Saugy verweist an den Chef der Abteilung Erziehung und Jugend, Laurent Exquis. Dieser wiederum gibt den Ball weiter an Sozialarbeiterin Cassia Rossetti.

Rossetti, die in engem Kontakt zu den Menschen auf der Strasse steht, betont die menschliche Seite der Frage. In einer Gesellschaft, in der jeder seines Glückes Schmied sein muss, sei es doppelt schwierig, immer wieder mit seinen Grenzen konfrontiert zu werden. „In erster Linie muss man mit den Abhängigen an ihrem Selbstvertrauen arbeiten.“ Alkohol könne in einem gewissen Sinn auch ein Lebensinhalt sein, sagt Rossetti. „Wenn man ihnen den wegnimmt, was haben sie dann noch?“

Es gebe in der Region Yverdon Angebote an geschützten Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten. Als Beispiel nennt sie die Kunsttherapie. Diese eröffnet die Möglichkeit, inneres Leiden auszudrücken und in etwas zu verwandeln, das von der Gesellschaft anerkannt sei. „Doch es besteht ein Dilemma: Die Leute möchten nicht beschäftigt werden, sie wollen eine ,richtige‘ Arbeit. Doch viele schaffen dies aufgrund ihres Alkoholkonsums nicht.“ Es sei oft ein weiter Weg, bis sie sich eingestehen können, dass sie eine „normale“ Arbeit nicht schaffen, sagt Rossetti.

Gefördert im „Azzurro“

Darum geht man in Bern schon seit zehn Jahren andere Wege. Das Restaurant „Azzurro“ des Blauen Kreuzes bietet nicht nur eine alkoholfreie Stammtisch-Atmosphäre, sondern auch eine Reihe von Arbeitsplätzen für Menschen, die eine Zeit lang auf der Gasse gelebt hatten. Hier erbringen echte Arbeitskräfte eine echte Leistung, die Teilnehmenden werden nicht nur beschäftigt. Anders als im freien Arbeitsmarkt ist es zwar auch möglich, einmal auszufallen – aber nicht ohne Konsequenzen: Steht der Koch nicht an den Töpfen, bleiben die Teller leer. Das „Azzurro“ füllt damit eine Lücke zwischen den Beschäftigungsprogrammen und dem ersten Arbeitsmarkt.

„Auf diese Weise stärken wir das Selbstvertrauen, aber auch das Pflichtbewusstsein der Teilnehmerinnen und Teilnehmer“, sagt Irene Abderhalden, heute Leiterin Prävention bei Sucht Info Schweiz, welche das Projekt vor zehn Jahren mitinitiierte. Sie weiss auch, warum das Projekt zum Erfolg wurde: „Die Betroffenen waren von Anfang an gleichberechtigte Partner. „Azzurro“ war kein Sozialarbeiter-Projekt, zu dem sie dann eingeladen wurden.“ Das habe auch dazu geführt, dass sich die Teilnehmenden im Zweifelsfall eher mit der Projektleitung solidarisierten als beispielsweise mit anderen Teilnehmenden, welche im „Azzurro“ zu dealen versuchten. Es habe „Null Disziplinprobleme“ gegeben, sagt Abderhalden.

Mehr auf die Randständigen eingehen

Sucht Info Schweiz – damals noch unter dem Namen SFA – hat die Studie „Public Spaces“ im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem ISGF in Zürich im Auftrag des Nationalfonds erstellt. Untersucht wurden elf Treffpunkte von Randständigen in Bern, Zürich, Lausanne, Yverdon und Chur. Die Studie richtet sich an Sozialarbeitende, politische Instanzen und andere Personen, die im direkten oder indirekten Kontakt mit den Betroffenen sind. Sie soll ihnen die Möglichkeit geben, besser auf die Bedürfnisse der Menschen am Rande der Gesellschaft einzugehen und Programme zur Gesundheitsförderung oder zur Integration zielgerichtet voranzutreiben.

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