Sucht Schweiz – Risiken beim Online-Glücksspiel: Lockdown verschärft die Problematik
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Risiken beim Online-Glücksspiel: Lockdown verschärft die Problematik

26. Oktober 2020, 08:30

Das Risiko für ein problematisches Spielverhalten ist bei Online-Glücksspielen besonders hoch. Dabei dürfte die Zahl an Online-Spielenden in den vergangenen Monaten wegen Covid-19 nochmals gestiegen sein. 16 Kantone und das Fürstentum Liechtenstein lancieren deshalb mit der Botschaft „Glücksspiele können abhängig machen. Auch online.” eine Sensibilisierungskampagne.

Als wegen Covid-19 temporär die Casinos geschlossen und auch sonstige Spielangebote eingeschränkt verfügbar waren, haben zeitgleich die Anbieter ihre Werbeoffensive für die neuen Online-Angebote spürbar erhöht. Wie internationale Studien vermuten lassen, dürften dabei auch viele neue Spielende ins Online-Glücksspiel eingestiegen sein.

Das Märchen vom Traumleben

Spielende von Online-Glücksspielen weisen ein überdurchschnittlich hohes Risiko für ein problematisches Spielverhalten auf. Die Gründe liegen auf der Hand: Die Angebote sind permanent verfügbar, der Bezug zum realen Geld geht verloren und eine soziale Kontrolle fehlt. Eine neue Analyse vom GREA (Groupement romand des addictions) und Sucht Schweiz zeigt, dass überdurchschnittlich viele jüngere Personen, Menschen mit einem niedrigen Einkommen oder einem tieferen Bildungsabschluss ein problematisches Spielverhalten zeigen. Nadia Rimann, Programmleitung von Spielen ohne Sucht, erklärt: “Sie sind besonders empfänglich für den Lockruf vom schnellen und grossen Gewinn – und die Werbung spricht sie gezielt an. Wir wissen aber auch, dass Glücksspielsucht in allen gesellschaftlichen Gruppen vorkommt.”

Problematisch Spielende zahlen die Hälfte aller Einsätze

Zudem sind bestimmte Spielarten besonders riskant: Spielende von Online-Casinos, Sportwetten und Finanzmarktwetten zeigen ein überdurchschnittliches Risiko. Bei Lotterien und Rubbellosen ist der Anteil an problematisch Spielenden deutlich geringer. Da sie jedoch stark verbreitet sind, ist ihre Anzahl nicht zu unterschätzen. Bemerkenswert ist, dass die rund 10 Prozent problematisch Spielenden für die Hälfte aller Spieleinsätze verantwortlich sind. In der Schweiz zeigen rund 192’000 Personen ein solches problematisches Spielverhalten. Ein kleiner Teil davon gilt als spielsüchtig – mit oft verheerenden Konsequenzen: Neben Spielschulden, körperlichen und psychischen Beschwerden hat eine Spielsucht häufig auch schwerwiegende Folgen für das Familien- oder Berufsleben.

Beispiel Gratisspiele: Gefördert durch Digitalisierung

Die finanzielle Problematik beschränkt sich nicht nur auf Online-Glücksspiele. So wächst parallel bspw. der Markt von “Free-to-Play”-Video-Games auf dem Smartphone rapide. In „Pay-to-Win“-Spielen, einer bestimmte Form von Free-to-Play-Spielen, können durch Einkäufe bspw. spielerische Vorteile erworben werden. Nadia Rimann sieht in dieser Entwicklung viele Parallelen: “Unsere Untersuchungen zeigen, dass, egal welcher Markt, die Mechanismen der Spiele zu einem ähnlichen Verhalten führen. So überrascht es nicht, dass auch bei den Gratisspielen ein kleiner Teil Spielende den grossen Anteil am Kuchen berappt: Rund 10% der Spielenden sind gemäss der Studie für über 60% der Ausgaben verantwortlich.

Kantone reagieren mit Kampagne

Auch um auf die Entwicklungen rund um Covid-19 zu reagieren, lanciert das interkantonale Programm Spielen ohne Sucht im Auftrag von 16 Deutschschweizer Kantonen und das Fürstentum Liechtenstein heute eine Sensibilisierungskampagne mit Fokus auf das Online-Glücksspiel. Dazu Martina Gadient (Fachbereichsleiterin Sucht des Kanton St.Gallen): “Bei vielen Spielenden zeigt sich, dass sie bereits in jungen Jahren erstmals mit den Glücksspiel-Angeboten in Kontakt kamen. Für eine effektive Prävention wollen wir daher auch bewusst ein jüngeres Publikum ansprechen.” Für Betroffene und Angehörige steht via www.sos-spielsucht.ch ein kostenloses und anonymes Beratungsangebot zur Verfügung.


Lorenz* (35) hat während Jahren Online-Glücksspiele gespielt und wurde davon süchtig. Er hat über eine halbe Million dafür ausgegeben. Seine Sucht hat ihn isoliert, bis er irgendwann keinen Sinn mehr in seinem Leben sah. Niemand wusste davon.
 
1. Lorenz*, wie ging es Ihnen während dieser Zeit?
Es gab neben der Arbeit eigentlich nichts mehr anderes. Ich habe Freundschaften vernachlässigt, eine Beziehung hatte ich zu dem Zeitpunkt nicht. Man vereinsamt. Und je mehr man alleine ist, desto mehr ist man im Spiel drin. Dabei hatte ich auch gar kein Geld, um bspw. etwas trinken zu gehen. Ich war wirklich auf Null.
 
2. Wieso haben Sie nicht aufgehört mit dem Spielen?
Ich war wie in Trance beim Spielen. Mit der Musik, den Tönen, dem Licht. Es ging mir am Schluss nur noch um den Knopfdruck. So banal das tönt. Ich spürte beim Spielen keinen Druck mehr, spürte mich selbst nicht mehr. Ich denke, wie bei einer Droge. Es ging auch nicht mehr ums Geld. Gewinne ermöglichten mir nur, noch länger zu spielen.

3. Aber der Druck wurde irgendwann zu gross?
Es war eine riesige Last. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich im Auto gesessen bin und mir überlegt habe, dass ich jetzt entweder in den nächsten Baum fahre oder mit dem Online-Glücksspiel aufhöre.
 
4. Sie haben sich für den Weg aus der Sucht entschieden.
Es war nicht einfach und hat viel Kraft gebraucht. Und es gab auch Rückschläge. Ich war ständig damit konfrontiert, was ich nun tue, wenn ich nicht spiele. Ich musste lernen mich anders zu beschäftigen. Dabei hat mir die Therapie sehr geholfen.  
 
5. Wie hat sich der Lockdown Ihrer Meinung nach auf die Spielenden ausgewirkt?
In dieser Zeit ist vor allem extrem viel Werbung für diese Online-Angebote geschaltet worden. Das ist mir und auch in meinem Umfeld aufgefallen. Sie vermitteln alle ähnliches. Zuhause sitzen, Action, man gewinnt. Wenn ich die Werbung heute sehe, denke ich: Was für ein Schrott.

6. Was möchten Sie problematisch Spielenden auf den Weg geben?
Ich kann nur sagen, dass es einem besser geht, wenn man aufhört. Psychisch, körperlich und auch finanziell. Der Weg dorthin ist nicht einfach. Man muss dranbleiben und es wollen. Aber rückblickend war er doch nicht Und wenn man den Schritt gemacht hat, ist es gar nicht so schwer, wie ich befürchtet hatte. Das ist meine Erfahrung.

Machst du dir Sorgen wegen deines Spielverhaltens oder kennst jemanden, der möglicherweise problematisch spielt? Hier findest du Informationen und kostenlose Hilfsangebote: www.sos-spielsucht.ch

Spielen ohne Sucht
Die Sensibilisierungskampagne ist Teil des Programms “Spielen ohne Sucht” zur Glücksspielsuchtprävention im Auftrag von 16 Deutsch­schweizer Kantonen (AG, BE, BL, BS, LU, NW, OW, SO, UR, ZG, AI, AR, GL, GR, SG, TG) und das Fürstentum Liechtenstein. Umgesetzt wird das Programm von Sucht Schweiz und der Perspektive Thurgau.

Kampagnenvideos:
 Sportwetten
 Casinospiele
 Rubbellose

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Beratungsangebot:
Website: www.sos-spielsucht.ch
Schadensminderungstipps: www.sos-spielsucht.ch/tipps
Beratungsangebot: www.sos-spielsucht.ch/hilfe

Weitere Informationen

Monique Portner-Helfer und Markus Meury, Mediensprecher von Sucht Schweiz.
Tel 021 321 29 74, mportner-helfer@ich-will-keinen-spamsuchtschweiz.ch (Montag bis Mittwoch)
Tel 021 321 29 63, mmeury@ich-will-keinen-spamsuchtschweiz.ch (Donnerstag bis Freitag)

Anhang:
Interview mit dem ehemaligen Betroffenen Lorenz
Factsheet: Sekundäranalyse Online-Glücksspiel
Factsheet: Sekundäranalyse Free-to-Play

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Mediensprecher

Monique Portner-Helfer
mportner-helfer@ich-will-keinen-spamsuchtschweiz.ch

Tel: 021 321 29 74
(Montag, (Dienstag), Mittwoch)

Markus Meury
mmeury@ich-will-keinen-spamsuchtschweiz.ch

Tel: 021 321 29 63
(Dienstag), Mittwoch, Donnerstag, Freitag

 

 

 
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