Sucht Schweiz – Eine Politik der Widersprüche
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Eine Politik der Widersprüche

12. Februar 2015, 10:00

Die Suchtpolitik ist durchzogen von diversen Widersprüchen und Inkohärenzen. Der Alkoholkonsum im öffentlichen Raum wird als Problem wahrgenommen, aber der Alkoholmarkt wird weiter liberalisiert. Man will das Glücksspiel-Angebot auf dem Internet erweitern und gleichzeitig überlegt man, die Mittel für die Prävention der Glücksspielsucht zu streichen. Die Zuwendungen an die Tabakproduktion bleiben gleich hoch wie die Mittel für die Tabakprävention und konsequentere Werbebeschränkungen, so wie sie anderswo in Europa üblich sind, treffen hierzulande noch auf grossen Widerstand.

Diese Widersprüche tragen bestimmt nicht zur Glaubwürdigkeit der Suchtpolitik in der Schweiz bei. Die Suchtpolitik scheint eher auf ideologischen Haltungen aufzubauen und nicht darauf, welche Folgen sie für betroffene Personen, ihr Umfeld und die Gesellschaft hat. Deswegen ist es wichtig, die Situation in der Schweiz und deren Auswirkungen zu analysieren. Aus diesem Grund veröffentlicht Sucht Schweiz zum ersten Mal ein ab jetzt jährlich erscheinendes Mediendossier mit dem Titel „Schweizer Suchtpanorama“. Es enthält Analysen zu Entwicklungen in den Bereichen Alkohol, Tabak, illegale Drogen und Glücksspiel in der Schweiz.

Suchtprobleme zu Beginn des XXI. Jahrhunderts: Eine Welt im Umbruch

Weniger Alkohol aber immer noch viele Alkoholräusche

Im vergangenen Jahrzehnt ist in der Schweiz, aber auch in anderen Ländern, der Alkoholkonsum gesunken. Bestimmte Formen des täglichen Trinkens sind nach und nach verschwunden und finden sich heute vor allem noch bei älteren Personen. Eine Folge davon ist eine Abnahme des Gesamtkonsums in der Schweiz, insbesondere von Wein. Die Abnahme des täglichen Alkoholkonsums bei den Männern hat zu einer Annäherung zwischen den Geschlechtern beigetragen. Gleichzeitig trinken heute mehr Frauen regelmässig Alkohol als noch vor 20 Jahren, vor allem bei den 65- bis 74-Jährigen.

Der Gesamtkonsum von Alkohol und der Risikokonsum haben bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 24 Jahren in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen. Die punktuellen Rauschzustände stagnieren heute auf einem hohen Niveau. Ohne Zweifel haben die Ausdehnung der Verkaufszeiten und der nächtlichen Freizeitangebote sowie die Preissenkung von Alkoholika hierzu beigetragen. Exzessiver Alkoholkonsum ist allerdings nicht Privileg der Jungen. Man findet ihn in allen Alterskategorien. Er ist auch bei berufstätigen Männern und solchen mit hohem Einkommen stärker verbreitet.

Der Tabak: Das Ende der Baisse?

Der Gebrauch von Tabak ist unter dem Einfluss struktureller Massnahmen und sozialer Normänderungen gesunken. Vor nicht allzu langer Zeit durfte man überall rauchen: Bei der Arbeit, im Restaurant oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Das Viertel der Bevölkerung, die noch raucht, tut dies heute oft nur noch auf der Strasse und auf Balkonen. Studienergebnisse deuten aber darauf hin, dass die Abwärtsentwicklung bei der Anzahl Raucher und Raucherinnen und des Passivrauchens nun zu Ende sein könnte.  

Illegale Drogen: Weniger Heroin, mehr Ecstasy

Der dritte wichtige Abwärtstrend betrifft ein weniger verbreitetes Phänomen, das aber für die öffentliche Gesundheit grosse Probleme verursacht hat: der (meist intravenöse) Konsum von Heroin. Es ist unter anderem der besseren Behandlung und Betreuung der Heroinkonsumentinnen und -konsumenten zu verdanken, dass sich die Problematik in Zusammenhang mit illegalen Drogen in der Schweiz entschärft hat. Allerdings konsumieren mindestens 40’000 jüngere Menschen täglich Cannabis, manche von ihnen von morgens bis abends. Der illegale Markt ist zudem in dauernder Veränderung, wie sich z.B. mit der Rückkehr von Ecstasy zeigt. Ausserdem entwickelt sich der Verkauf übers Internet, insbesondere von neuen psychoaktiven Substanzen.

Viele Glücksspiele, viele Verlierer

Das Angebot an Glücksspielen in der Schweiz ist zu Beginn dieses Jahrhunderts stark gestiegen, einerseits wegen der Zulassung von Casinos und andererseits durch die Diversifizierung der Lotteriespiele. Heute hat die Schweiz eine der grössten Casinodichten der Welt. Nun soll auch das Angebot von Glücksspielen im Internet ausgeweitet werden. Die Anzahl exzessiv Spielender und die mit dem Glücksspiel verbundenen sozialen Kosten sind sehr hoch und die Forschung konnte bereits nachweisen, dass bei Glücksspielen im Internet noch höhere Risiken bestehen als bei herkömmlichen Glücksspielen.

Zugang: an jedem Wochentag, rund um die Uhr, überall

Die grosse Zugänglichkeit zu Waren und Dienstleistungen, die Tatsache, dass fast alles an jedem Wochentag rund um die Uhr erhältlich ist, bleibt nicht ohne Folgen auf den Gebrauch von Substanzen und Glücksspielen. Heute kann man rund um die Uhr Alkohol kaufen, oft zu niedrigen Preisen, oder im Internet um Geld spielen. Auch zu Cannabis, Kokain oder Ecstasy kommt man in Schweizer Städten schnell und relativ problemlos. Der Warenhandel findet überall statt und beschäftigt uns dadurch ständig.

Manche Verhalten verändern sich, aber die Mehrzahl der Folgeprobleme bleibt

Der Tabak bleibt die wichtigste Ursache für frühzeitige Todesfälle in der Schweiz und der Alkohol folgt auf dritter Position. Psychoaktive Substanzen und das Glücksspiel hängen jedes Jahr mit insgesamt mehr als 10‘000 Todesfällen zusammen und mit sozialen Kosten, die 10 Milliarden Franken übersteigen. Erwähnt werden müssen auch das Leid der mehreren Hunderttausend abhängigen Menschen sowie der Nahestehenden und die – meist alkoholbedingten – Folgeprobleme, welche mehr als die Hälfte der Bevölkerung betreffen.

Die Politik: Das Parlament steht vor einer historischen Gelegenheit

Zum ersten Mal prüfen die beiden Parlamentskammern die Gesetzgebungen zu Alkohol, Tabakerzeugnissen und Glücksspiel parallel. Dies wäre eine Gelegenheit, um einen glaubwürdigen und effizienten Ansatz für den Suchtbereich zu entwickeln. Zudem haben sich die Parlamentarierinnen und Parlamentarier auch noch mit Anfragen von Städten und Kantonen zur Cannabisfrage zu befassen. Aber was geschieht tatsächlich? Die drei Gesetze werden behandelt, als hätten sie nichts miteinander zu tun. Und um die Inhalte jedes dieser Gesetze feilschen Interessengruppen. Einmal mehr muss man mühsam um jeden Franken für die Prävention und um jede strukturelle preis- oder zugangsorientierte Präventionsmassnahme kämpfen, deren Wirksamkeit eigentlich nachgewiesen wäre.
Eine andere Politik wäre im Grunde möglich. Dazu müsste man einräumen, dass Suchtprobleme nicht nur Probleme einzelner Individuen sind, sondern auch Probleme der ganzen Gesellschaft und der Umwelt. Immer wieder blendet die öffentliche Diskussion aus, dass der Markt das Verhalten von Individuen, gerade von besonders gefährdeten Personen, stark beeinflusst. Der Erhältlichkeit und der Anpreisung von Alkohol, Tabak oder Glücksspielen Grenzen zu setzen, würde eigentlich nur bedeuten, einen Markt zu regulieren, den man in letzter Zeit mehr und mehr sich selbst überlassen hat und dem man keine Schranken mehr gesetzt hat. Wenn man weniger Suchtprobleme will, wird man den Markt wirksamer regulieren müssen und parallel dazu der Prävention, der Schadensminderung und der Behandlung Mittel zur Verfügung stellen müssen. "Es ist höchste Zeit, dass die Schweiz eine kohärente Suchtpolitik entwickelt, gerade für besonders gefährdete Personengruppen", betont Irene Abderhalden, Direktorin von Sucht Schweiz. In den vier weiteren Teilen dieses Mediendossiers gehen wir darauf ein, welches die Massnahmen wären, die umgesetzt werden sollten, und welche Haltung – vom Alkohol bis zu den Glücksspielen – in der Schweiz endlich zu einer kohärenten, glaubwürdigen und wirksamen Suchtpolitik führen könnte. 

Auskunft:
Monique Portner-Helfer
Mediensprecherin
mportner-helfer@ich-will-keinen-spamsuchtschweiz.ch
Tel.: 021 321 29 74

Das Mediendossier umfasst ein übergreifendes Communiqué sowie vier weitere Medieninformationen zu den Bereichen Alkohol, Tabak, illegale Drogen und Glücksspiele.
    

Die Stiftung Sucht Schweiz ist ein nationales Kompetenzzentrum im Suchtbereich. Sie betreibt Forschung, konzipiert Präventionsprojekte und engagiert sich in der Gesundheitspolitik. Das Ziel der Stiftung ist, Probleme zu verhüten oder zu vermindern, die aus dem Konsum von Alkohol und anderen psychoaktiven Substanzen hervorgehen oder durch Glücksspiel und Internetnutzung entstehen.

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