Sucht Schweiz – Drogen im Internet: Erste Bestandsaufnahme der Schweizer Situation
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Drogen im Internet: Erste Bestandsaufnahme der Schweizer Situation

27. November 2018, 09:00

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Der Verkauf von Betäubungsmitteln via Internet gilt als ein Paradigmenwechsel beim illegalen Drogenhandel. Sucht Schweiz zieht zusammen mit der Schule für Kriminalwissenschaften (ESC) der Universität Lausanne Bilanz zum Wissensstand zu diesem Phänomen und zur Rolle der Schweiz. Resultat: Der Online-Drogenhandel ist in unserem Land eine Realität, betrifft aber offenbar noch wenig Menschen und stellt nur einen kleinen Anteil des Betäubungsmittelmarkts dar. Doch ist das kein Grund, dieses Phänomen zu ignorieren: Zwar ist es noch klein, doch es ist ungewiss, ob dies so bleiben wird.

Wo findet man Drogen online? Wie werden sie verkauft? Wie gross ist der Markt und welche Rolle spielt die Schweiz? Um diese Fragen zu beantworten, haben Sucht Schweiz und die Schule für Kriminalwissenschaften (ESC) der Universität Lausanne im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit eine neue Phase des Projektes MARSTUP («Struktur und Produkte des Betäubungsmittelmarktes») initiiert. So hat das Team von Prof. Quentin Rossy von der ESC die Daten eines Kryptomarkts und die Literatur analysiert, während andere Daten Aufschluss über die Praktiken der Nutzer und die Polizeitätigkeit in diesem Bereich gegeben haben.

Wenig Wissen, Fokus auf Kryptomärkte

Drogen können über viele Online-Anwendungen beschafft werden: auf anonymen und offenen Websites, aber auch auf den Sozialen Medien und über Messaging-Apps. Wie umfassend das Phänomen ist, wurde noch kaum untersucht. Eine Ausnahme bilden die Kryptomärkte, die oft auf Drogen spezialisiert sind. Diese Handelsplattformen ermöglichen ein anonymes Auftreten, weil sie eine eigene Infrastruktur (die Darknets), nicht oder kaum regulierte Räume (die Dark Webs), verschlüsselte Datenübertragung und Kryptowährungen wie Bitcoin® verwenden.

Kurzlebige Websites

Heute gibt es zahlreiche Online-Plattformen, die Betäubungsmittel anbieten, aber wegen interner Betrügereien oder dem Eingreifen der Ordnungskräfte oft nur äusserst kurz überleben. Sie werden von Administratoren betrieben und publizieren Inserate mit der Beschreibung des Produkts, seinem Preis und den Kaufbedingungen. Die Produkte und die Anbieter werden zudem durch die Käufer bewertet. Somit gleichen diese Plattformen bekannten Shopping-Sites wie ebay®.

Mässige Schweizer Präsenz

Um die Rolle der Schweiz zu verstehen, wurden Daten von einem der grössten Drogen-Kryptomärkte heruntergeladen: AlphaBay, das von Ende 2014 bis Juli 2017 aktiv war. Sie haben ergeben, dass die Schweiz eine Nebenrolle spielt, die aber bei den Verkaufszahlen angesichts ihrer kleinen Grösse nicht unterschätzt werden darf. So verantworteten 57 Anbieter-Accounts, die einen Sitz in der Schweiz angeben, auf AlphaBay knapp über 10'000 Transaktionen mit einem Umsatz von ca. 1,3 Millionen Franken. 85 % betreffen meist kleine Mengen von Stimulanzien zu einem Preis, der dem physischen Markt ähnlich ist. Dies stellt zwar nur einen äusserst kleinen Anteil am gesamten Betäubungsmittelmarkt in der Schweiz dar, doch generieren einige Anbieter ansehnliche Umsatzzahlen, die bis knapp 30'000 Dollar pro Monat betragen können.

Wenig Käufer, kleine Mengen

Eine Analyse der Daten aus dem Global Drug Survey, einer Befragung von Konsumenten legaler und illegaler Suchtmittel, legt nahe, dass Online- und Dark-Web-Käufe insgesamt gering bleiben, aber mit steigender Tendenz. Andere Datensätze zeigen, dass Cannabis und Stimulanzien (Kokain, Ecstasy, Amphetamin) von Schweizer Käufern am meisten gekauft werden. Sie versorgen sich bei Anbietern im Inland, aber auch im Ausland, namentlich in Deutschland, den Niederlanden, Grossbritannien und Belgien. Meist handelt es sich dabei um kleine Mengen.

Wenig Ermittlungen, viele Beschlagnahmungen

Eine Kurzbefragung bei den kantonalen Polizeibehörden hat ergeben, dass Ermittlungen zum Betäubungsmittelkauf im Internet bislang recht selten vorkommen. Oft werden sie aufgrund von Informantenhinweisen oder eines eingeschalteten Computers bei einer Hausdurchsuchung eingeleitet. Am häufigsten werden aber Pakete mit kleinen Mengen von Substanzen, die über das Internet bestellt wurden, am Zoll abgefangen. Hier handelt es sich meist um Cannabis, Stimulanzien und Halluzinogene.

Ein kleiner Markt, der grösser wird?

Fazit: Die Analyse der Daten über den Online-Drogenhandel zeigt, dass diese Märkte an unterschiedlichen Orten im Internet präsent sind, aber zumindest in der Schweiz nur einen äusserst kleinen Anteil des Betäubungsmittelmarkts darstellen. Es liegen jedoch Hinweise vor, dass das Phänomen wächst, aber wahrscheinlich weniger schnell, als man erwarten konnte. Wie andere Innovationen durchläuft offenbar auch der Online-Handel mit psychoaktiven Substanzen eine Phase, in der er von einer kleinen Gruppe von Eingeweihten gepflegt wird, bevor er möglicherweise zu einem breiteren Phänomen wird.

Die Studie (französisch mit deutscher Zusammenfassung)

Auskunft:
Frank Zobel (Deutsch, Französisch)
Vize-Direktor, Sucht Schweiz
fzobel@ich-will-keinen-spamsuchtschweiz.ch
021 321 29 74

Quentin Rossy (Französisch)
Professor, Schule für Kriminalwissenschaften der Uni Lausanne
021 692 46 10

Sucht Schweiz ist ein nationales Kompetenzzentrum im Suchtbereich. Sie betreibt Forschung, konzipiert Präventionsprojekte und engagiert sich in der Gesundheitspolitik. Das Ziel unserer NGO ist, Probleme zu verhüten oder zu vermindern, die aus dem Konsum von Alkohol und anderen psychoaktiven Substanzen hervorgehen oder durch Glücksspiel und Internetnutzung entstehen. Die Digitalisierung ändert unsere Welt – auch im Bereich der Abhängigkeiten. Sucht Schweiz schaut genauer hin, wie das Internet heute den Alltag prägt. Die oben gennante Studie ist ein Teil dieser Arbeit.

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