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Alkoholkonsum von Frauen und Gleichberechtigung: Ein möglicher Zusammenhang?

19. März 2012, 11:30

Eine aktuelle Studie von Sucht Schweiz liefert neue Elemente zu der Frage, welche Faktoren den Alkoholkonsum von Müttern beeinflussen. Die Ergebnisse legen nahe, dass Massnahmen zur Förderung der Gleichstellung von Männern und Frauen den Alkoholkonsum von Müttern senken können.

Berufliche Karriere plus Familie – eine Herausforderung, mit der viele Frauen konfrontiert sind. In einigen Ländern ist es einfacher, beide Lebensbereiche unter einen Hut zu bringen; dort bestehen Massnahmen zur Förderung der beruflichen Laufbahn von Frauen. Andere Länder hingegen unterstützen berufstätige Mütter nur wenig.
Eine neue Studie von Sucht Schweiz legt nahe, dass solche gesellschaftliche Faktoren, verbunden mit dem Rollenverständnis der Frau in der Gesellschaft, den Alkoholkonsum von Müttern beeinflussen.

Je mehr soziale Rollen man erfüllt, desto weniger hoch ist das Risiko zu trinken

Die allgemeine Theorie besagt: Je mehr soziale Rollen man erfüllt, desto kleiner ist das Risiko zu trinken. Und umgekehrt: Je weniger soziale Rollen man erfüllt, desto höher ist das Risiko zu trinken. Im Klartext: Eine Person mit Partner, Kindern, Arbeitsstelle, sozialen und sportlichen Aktivitäten neigt weniger zu problematischem Alkoholkonsum als eine alleinstehende Person ohne Arbeit, ohne Hobbies und ohne Kinder. Die Forschung hat diesen Zusammenhang nachgewiesen und auch wenn andere Aspekte wie beispielsweise der familiäre Kontext eine Rolle spielen, ist sich die Wissenschaft hierin einig.
So weit, so gut. Doch als die Autoren und Autorinnen der Studie die Daten zum Alkoholkonsum von Frauen aus 16 Industriestaaten verglichen, stellten sie grosse Unterschiede fest, welche sich nicht durch diese allgemeine Theorie erklären liessen. In einigen Ländern war die Akkumulation sozialer Rollen (in diesem Fall in einer Partnerschaft zu leben, Kinder und eine Arbeitsstelle zu haben) bei Frauen kein Schutzfaktor gegen höheren Alkoholkonsum. Warum? Gemäss der Studie von Sucht Schweiz lassen sich diese Unterschiede zumindest teilweise durch das von Land zu Land unterschiedliche Rollenverständnis der Frau und das unterschiedliche Niveau der Gleichberechtigung der Geschlechter erklären.

Die Gleichberechtigung der Geschlechter beeinflusst den Alkoholkonsum

In Schweden, das oft als Beispiel genannt wird, wenn es um die Gleichstellung der Geschlechter und die Emanzipation der Frau geht, funktioniert die Kumulation von Rollen als Schutzfaktor entsprechend der allgemeinen Theorie. Frauen in einer Partnerschaft, mit Kindern und einer Arbeitsstelle trinken tendenziell weniger – fast ein Glas weniger pro Tag, an dem sie trinken, verglichen mit Müttern ohne Partner und Arbeitsstelle. Entsprechende Daten aus der Schweiz zeigen, dass die Kumulation mehrerer Rollen weniger stark als Schutzfaktor wirkt. Bei Frauen, die in der Schweiz in einer vergleichbaren Situation leben (Kinder, Partner, Arbeitsstelle), liegt der Alkoholkonsum leicht höher als bei solchen mit Kindern und mit Partner, aber ohne Arbeitsstelle. Eine Arbeitsstelle scheint hier keinen Schutzfaktor darzustellen. Die Daten der vorliegenden Studie zeigen, dass in Ländern, in denen die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Erwerbsarbeit gefördert wird, die konsumierte Alkoholmenge mit der zunehmenden Anzahl der sozialen Rollen, welche die Mütter erfüllen, sinkt. Im Gegensatz dazu ist der Schutzfaktor gegen Alkoholkonsum bei der Kombination Erwerbstätigkeit/Mutterschaft in den Ländern schwächer, wo kaum Massnahmen getroffen wurden, die Erwerbstätigkeit von Müttern zu unterstützen. Man kann also vermuten, dass in Ländern, in denen der Frau eine traditionellere Rolle zugeschrieben wird, die Schwierigkeiten grösser sind, eine berufliche Karriere und Familie zu vereinbaren. Die Berufstätigkeit stellt in diesem Fall möglicherweise keine Bereicherung, sondern eher eine Notwendigkeit dar. Im Alltag die beiden Rollen als Mutter und Erwerbstätige zu vereinbaren, kann auch ein grosser Stressfaktor sein, der zu einer Zunahme des Alkoholkonsums führt.Zusätzliche Studien müssen diese neuen Hypothesen erst bestätigen. Als Mass für die Gleichstellung zwischen den Geschlechtern wurde in der vorliegenden Studie die Lohngleichheit herangezogen. Da sich die untersuchten 16 Länder in sozioökonomischer Hinsicht nur sehr wenig unterscheiden, kann der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen als wichtiger Faktor für das Rollenverständnis der Frau gelten. Weitere Studien, welche zusätzliche Faktoren wie beispielsweise das Angebot an Tagesstrukturen für Kinder einbeziehen, sollten genauere Aussagen zu diesen Zusammenhängen ermöglichen.

Referenz der Studie:
Housewife or working mum – each to her own?: the relevance of societal factors in the association between social roles and alcohol use among mothers in 16 industrialized countries. Sandra Kuntsche, Ronald A. Knibbe, Emmanuel N. Kuntsche, Gerhard Gmel.  Addiction, 2011, Vol. 106, Nr. 11, S. 1925-1932

Auskunft:
Simon Frey Mediensprecher
sfrey@ich-will-keinen-spamsuchtschweiz.ch
Tel.: 021 321 29 63

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