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SCHWEIZER SUCHTPANORAMA 2016

08. Februar 2016, 10:00

Welches sind die aktuellen Konsumtrends bei Alkohol, Tabak und illegalen Drogen in der Schweiz? Welche Probleme manifestieren sich beim Geldspiel und Internetgebrauch? Das jährlich erscheinende Schweizer Suchtpanorama nimmt sich dieser und weiterer Fragen an, liefert neuste Fakten und Zahlen, stellt Zusammenhänge her und kommentiert. Die Darstellung der einzelnen Bereiche mündet in eine übergreifende Medienmitteilung, ein Fazit, das auch die Rolle der Politik kritisch anspricht.

Suchtprobleme: Mitverantwortung statt nur Eigenverantwortung

Noch immer raucht jede vierte Person in der Schweiz, gut jede fünfte trinkt zu viel oder zu oft Alkohol, und 3% der Bevölkerung haben im letzten Monat Cannabis konsumiert. In der Gesamtbevölkerung hat sich das Konsumverhalten nicht wesentlich verändert. Anders bei jungen Menschen: Hier zeichnen sich gegenläufige Entwicklungen ab. Mit dem Suchtpanorama 2016 veröffentlicht Sucht Schweiz zum zweiten Mal Analysen für die Bereiche Alkohol, Tabak, illegale Drogen, Geldspiel und neu zum Internetkonsum. Mit jährlich mehr als 11'000 Todesfällen und 10 Milliarden Franken Folgekosten fordern Suchtprobleme die ganze Gesellschaft. Nicht nur das Individuum, sondern auch der Staat und die Wirtschaft tragen Verantwortung – eine nicht selbstverständliche Sichtweise, wie der Blick auf die suchtpolitischen Entwicklungen zeigt.

Weiterhin hohe Problemlast
Tabak: Kein weiterer Rückgang der Raucherquote

Es ist weiterhin nicht gelungen, einen Rückgang der Raucherquote zu erreichen. Die tabakbedingte Problemlast hat mit 9500 Toten pro Jahr sogar noch etwas zugenommen, was den Anstieg der Anzahl der Raucherinnen in den vergangenen Jahrzehnten mit Verzögerung nachzeichnet. Während die Raucherquote stagniert, verändert sich der Markt: Es werden weniger konventionelle Zigaretten gekauft, dafür wird mehr zu selbstgedrehten Zigaretten, Wasserpfeifen und E-Zigaretten gegriffen, wobei es sich bei Letzteren bis jetzt wohl meist um einen Probierkonsum handelt.

Alkohol: Gleichbleibende Problemlast bei ungleicher Konsumverteilung

Mit 8.1 Liter reinen Alkohols ist weiterhin ein leichter Rückgang des jährlichen Pro-Kopf-Konsums festzustellen. Insbesondere das tägliche Glas Wein gehört seltener zum Alltag von Herrn und Frau Schweizer. Allerdings ist der Gesamtkonsum nach wie vor sehr ungleich verteilt: So trinken gut 11% der erwachsenen Bevölkerung die Hälfte des gesamten Alkohols, was sich in einer unverändert hohen Problemlast widerspiegelt: Weiterhin stirbt alle 5 bis 6 Stunden ein Mensch an den Folgen des Alkoholkonsums. Es wird geschätzt, dass rund 250'000 Menschen an einer Alkoholabhängigkeit und eine weitere halbe Million unter dem Alkoholproblem naher Angehöriger leiden; dazu kommen rund 100'000 Kinder aus alkoholbelasteten Familien.

Illegale Drogen: Weiterhin weit verbreiteter Cannabiskonsum und neue Regulierungsmodelle auf dem Prüfstand

Cannabis bleibt die mit Abstand meist konsumierte illegale Substanz. Sie ist in der Altersgruppe der 15- bis 34-Jährigen, in der eine von 14 Personen konsumiert, am stärksten verbreitet. So steht denn die Diskussion um mögliche Vor- und Nachteile einer Cannabisregulierung im Zentrum der drogenpolitischen Diskussionen – nun vor dem Hintergrund erster Erfahrungen mit neuen Regulierungsmodellen in vier amerikanischen Staaten und in Uruguay.

Geldspiel: Ungewisse Entwicklung aufgrund geplanter Markterweiterung

Gut 1% der Bevölkerung spielt auf problematische oder pathologische Weise. Ein bedeutender Teil der Einnahmen für Betreiber und Staat stammt aus ihrem Geldbeutel. Das neue Geldspielgesetz will nun den profitablen Markt auch im Internet öffnen. Ohne ausreichende Massnahmen für den Spielerschutz riskiert damit der Gesetzgeber eine Zunahme der Probleme mit dem Geldspiel. 

Gegenläufige Entwicklungen unter den Jungen

Weniger Alkohol, Tabak und Cannabis bis zum Alter von 15 Jahren, Zunahme bei den älteren Jugendlichen

Bei den Jungen zeichnet sich beim Alkohol und Tabak eine auffällige Entwicklung ab: Die neuste Schülerinnen- und Schülerbefragung zeigt, dass die 15-Jährigen von heute im Umgang mit Alkohol zurückhaltender sind als früher, während unter den 15- bis 19-Jährigen das Rauschtrinken seit 2011 zunimmt. Ein ähnliches Phänomen beim Tabak: Unter den 11- bis 15-Jährigen sinkt der Anteil der Rauchenden seit 2002, bei den 15- bis 19-Jährigen gibt es Anzeichen, dass diese wieder vermehrt zum Glimmstängel greifen. Auch beim Cannabiskonsum lässt sich bei den 15-Jährigen ein Rückgang feststellen – wenn auch weniger ausgeprägt – während bei den 15- bis 19-Jährigen der Trend stabil oder leicht steigend ist. Interessanterweise zeichnen sich zumindest in Frankreich und in den USA ähnliche Entwicklungen ab.

Offene Fragen, ungewisse Entwicklung

Ob die Entwicklung bei den jüngeren Jugendlichen mit einem veränderten Erziehungsverhalten, mit einem grösseren Gesundheitsbewusstsein, mit Erfolgen der Suchtprävention und des Jugendschutzes oder mit einem veränderten Ausgehverhalten der Jugendlichen zusammenhängt, bleibt offen. Gemäss neuen Studien gibt es gewisse Anzeichen einer „Verhäuslichung“ der jüngeren Generation, so dass diese weniger bzw. später mit Suchtmitteln in Kontakt kommt. Welchen Einfluss dabei die stärkere Mediennutzung hat, ist unklar. Zwar haben immer jüngere Altersgruppen Zugang zur virtuellen Welt: Über die Hälfte der 6- bis 13-Jährigen besitzt ein eigenes Smartphone und die 12- bis 19-Jährigen verbringen in der Freizeit durchschnittlich zwei Stunden pro Tag unter der Woche und drei oder mehr Stunden pro Tag am Wochenende und in den Ferien im Internet. Gleichzeitig legen neuste Jugendbefragungen nahe, dass die Beschäftigungen in der virtuellen Welt nicht zu einem Rückgang von „realen“ Aktivitäten und Freundschaften geführt haben.

Sucht als gesamtgesellschaftliche Herausforderung

Den Fokus ausschliesslich auf die Jugendlichen zu richten, wie es in der Politik nur allzu beliebt ist, greift zu kurz. Erstens orientieren sich die Jugendlichen an der Erwachsenenwelt und zweitens ist die suchtmittelbedingte Problemast hauptsächlich auf das Konsumverhalten der Erwachsenen zurückzuführen. Deshalb muss die Suchtprävention und -politik als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden, für die sämtliche Akteure – die Konsumierenden, der Staat wie auch die Wirtschaft Verantwortung tragen.

Eigenverantwortung ist wichtig, aber nicht alle haben die gleichen Voraussetzungen

Die parlamentarische Initiative «Komatrinker sollen Aufenthalte in Spital und Ausnüchterungszellen selber bezahlen», welche Ende letzten Jahres erfreulicherweise vom Nationalrat abgeschrieben wurde, war symptomatisch für den Zeitgeist der heutigen Gesundheitspolitik. Nebst dem Bruch mit dem Solidaritätsprinzip wurde einmal mehr mit den Jugendlichen in der Rolle der Problemverursacher argumentiert, obschon weniger als 10% der wegen Alkoholvergiftung hospitalisierten Personen Jugendliche sind. Befürworter sprachen viel von Eigenverantwortung, ein Argument, das zunehmend nicht mehr nur in industrienahen, sondern auch in gesundheitspolitischen Kreisen Popularität geniesst, während die Verantwortung der Gesellschaft und Politik trotz zunehmender Deregulierung des Marktes vernachlässigt wird.
Die rund 100'000 Kinder, welche in der Schweiz in einer suchtbelasteten Familie aufwachsen, tragen ein bis zu sechs Mal höheres Risiko, später selber suchtkrank zu werden. Sie können es sich nicht aussuchen, ob sie mit Suchtproblemen konfrontiert werden oder nicht. Vielmehr muss die Gesellschaft Voraussetzungen schaffen, damit Kinder zu gesunden, eigenverantwortlichen Bürgern und Bürgerinnen heranwachsen können. Häufig blockiert aber die Politik gesundheitsförderliche Investitionen mit dem Argument der Eigenverantwortung. Diese von anderen zu fordern, ohne die eigene Verantwortung gegenüber Minderjährigen oder gefährdeten Gruppen wahrzunehmen, ist nicht vertretbar.

Persönliche Freiheit ist nicht dasselbe wie Marktfreiheit!

Das Argument, dass regulierende Massnahmen die Eigenverantwortung und persönliche Freiheit einschränken, greift zu kurz: Es geht nicht darum, den Substanzkonsum zu verbieten oder Konsumierende zu stigmatisieren. Wichtig sind Rahmenbedingungen, die gesundheitskompetentes Handeln und nicht den Konsum fördern. Die mehr als 10`000 Toten und 10 Milliarden Franken Folgekosten verdeutlichen, dass es sich auch bei den legalen Suchtmitteln nicht um gewöhnliche Konsumgüter handelt.
Aktuelle Befragungen zeigen, dass ein Verbot der Tabakwerbung oder Massnahmen gegen Spottpreise beim Alkohol von der Mehrheit der Bevölkerung befürwortet werden. Für die meisten wären diese Massnahmen kaum spürbar, hingegen würden sie junge Menschen und solche mit problematischem Konsum schützen. Zudem scheint es vielen widersprüchlich, dass Jugendliche von den Risiken des Rauchens überzeugt werden sollen und gleichzeitig die Tabakwerbung an jugendtypischen Orten wie Festivals oder in sozialen Medien Freiheit und Coolness verspricht. Das neue Tabakproduktegesetz, das dieses Jahr beraten wird, bietet eine Chance diese Widersprüche zu beseitigen. Auch bei der Regulierung des Geldspielmarktes erhält das Parlament die Möglichkeit, die Interessen der Gesundheitspolitik mit jenen der Wirtschaft ins Gleichgewicht zu bringen, indem die ursprünglich vorgesehene Stärkung des Spielerschutzes wieder integriert wird.
Parallel zu den laufenden Debatten zu Gesetzesrevisionen im Bereich der legalen Suchtmittel wird vor allem auf Ebene der Kantone und Städte nach neuen Wegen im Umgang mit Cannabis gesucht. Wichtig ist, die unterschiedlichen Entwicklungen im legalen und illegalen Suchtbereich nicht isoliert voneinander zu betrachten: So lehren uns die Erfahrungen mit Deregulierungen im Alkohol- und Tabakproduktemarkt, dass ein marktwirtschaftlich ausgerichtetes Cannabismodell wie es gegenwärtig in den USA umgesetzt wird, wenig im Interesse der Suchtprävention sein kann. Genauso wenig im Sinne einer kohärenten Suchtpolitik ist es, wenn ein Produkt wie Tabak, das stündlich einen Menschen tötet, immer noch mit Werbung gefördert werden kann, während bei illegalen Drogen bereits der Konsum ein Delikt darstellt. Es bleibt zu wünschen, dass die Suchtpolitik weniger ideologisch, sondern auf sachlichen Analysen der bisherigen Erfahrungen basiert. Dazu will das vorliegende Suchtpanorama einen Beitrag leisten.

Auskunft:
Irene Abderhalden
Direktorin
iabderhalden@ich-will-keinen-spamsuchtschweiz.ch
T 021 321 29 11
H 078 866 27 13

Das Mediendossier umfasst obiges Communiqué sowie fünf vertiefende Analysen zu den Bereichen Alkohol, Tabak, illegale Drogen, Internetgebrauch und Glücksspiele.

Die Stiftung Sucht Schweiz ist ein nationales Kompetenzzentrum im Suchtbereich. Sie betreibt Forschung, konzipiert Präventionsprojekte und engagiert sich in der Gesundheitspolitik. Das Ziel der Stiftung ist, Probleme zu verhüten oder zu vermindern, die aus dem Konsum von Alkohol und anderen psychoaktiven Substanzen hervorgehen oder durch Glücksspiel und Internetnutzung entstehen.

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